„Niemand weiß, was der Tod ist, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüssten sie gewiss, dass er das größte Übel ist.“ (Platon, Apologie)


Am Sonntag den 18.12.2012 sah ich die Sendung mit der Maus zum Thema „Abschied von der Hülle: Jeder Mensch muss einmal sterben“. Was gerade Kindern gegenüber als Tabuthema gilt, macht „Die Sendung mit der Maus“ zum Gegenstand einer halbstündigen Sondersendung. Maus-Macher Armin Maiwald erklärt, was passiert, wenn ein Mensch stirbt, den man gern hatte. Sterben, Trauern und Beerdigungen – worüber kaum jemand gerne spricht, zeigt Armin Maiwald in einer monothematischen „Sendung mit der Maus“. Dazu bedient er sich eines Kunstgriffs: Er erfindet seinen Zwillingsbruder Eckhard und „konfrontiert“ sich mit dessen unerwartetem Tod. [ARD, 2012]

Die Sendung weckte gemischte Gefühle in mir und ich beschloss, mich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen. Da ich selbst meine Mutter vor 5 Jahren verlor und einige Erfahrungen mit dem endgültigen Verschwinden eines nahen Verwandten machte, fand ich es großartig, dass das Thema überhaupt behandelt wurde. Wieso wird uns dieses Thema vorenthalten? Gehört es nicht genau so dazu wie die Geburt und das Leben an sich? Sofort kam die Frage auf: Ist es richtig, Kinder mit diesem Thema zu konfrontieren?


Was ist der Tod?

Der Tod liegt außerhalb unseres Erfahrungsbereiches, und es stellt sich die Frage, ob wir etwas definieren können, dessen Inhalt oder Ausmaß wir gar nicht kennen. Außerdem ist es eine Frage der Perspektive. Das Thema Tod kann biologisch, philosophisch und psychologisch betrachtet werden. Für mich persönlich beschreibt der Tod den Prozess, in dem die Seele den Körper verlässt und eine Hülle zurücklässt.


Tod im Wandel der Zeit

Kulturvergleichend kann man sagen, dass sich der Umgang mit dem Tod ebenso verändert wie die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen. Während in früheren Zeiten das Sterben noch einen festen Platz in der Familie hatte, ist es nun etwas, von dem man sich eher distanziert. Krankheit und Tod finden nun oftmals in Krankenhäusern und Altersheimen statt. Diese Phänomene empfinden wir als schmutzig und lästig. Sie passen nicht in unsere leistungs- und gesundheitsorientierte Gesellschaft. Der Umgang mit dem Tod verändert sich dahingehend, dass man gar nicht erst in Kontakt mit ihm tritt. Es ist leichter, ihn somit zu verdrängen, selbst zahlreiche Erwachsene sind in ihrer nächsten Umgebung noch nicht mit dem Sterben in Berührung gekommen. Wie sollen Kinder auf dieses Ereignis reagieren?

Es ist letztendlich unumgänglich, dass sich auch Kinder für den Tod interessieren. Dies geschieht sowohl direkt, indirekt als auch fiktiv. Trotzdem ist es essenziell für sie, auch Erklärungen und Informationen von ihrem Umfeld, von z.B. Eltern und Lehrern zu erhalten. Auf diese Weise lernen sie, selbständig mit dem Thema umzugehen und zu reflektieren. Des weiteren werden sie auf die Realität vorbereitet, ohne Schockerfahrungen zu machen. Meiner Meinung nach ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod eine Voraussetzung für eine aufgeklärte und reflektierte Persönlichkeit. Natürlich ist es ebenso möglich, mit großer Ignoranz durchs Leben zu gehen und vom Tod im eigenen Umfeld überrascht zu werden. Jedoch ist ein Problem bei der Tabuisierung der traurigen Realität, dass es mit der Zeit immer schwieriger wird, darüber zu reden. Das Kind wird dann unvermittelt und unvorbereitet mit den harten Seiten der Realität – dem Tod – konfrontiert. Dabei kann genau das passieren, was eigentlich vermieden werden sollte: Die Kinder erleben bei der Begegnung mit dem Sterben einen viel größeren Schmerz, eine weitaus tiefere Wunde; sie haben aber weitaus geringere Möglichkeiten, dieses Erlebnis zu verarbeiten.


Wie kann man mit Kindern sprechen?

Kinder stellen häufig von selbst die Frage, was mit ihren verstorbenen Haustieren oder Verwandten geschieht. Es liegt nun bei den Eltern, die Ehrlichkeit zu besitzen, dem Kind zu erklären, dass sie es nicht wissen. Man kann ihnen bestenfalls erklären, welche Maßnahmen man ergreift, um den Verlust zu verarbeiten. Beispielsweise beschreiben, wie eine Beerdigung vollzogen wird. Warum man in einem Sarg auf dem Friedhof beerdigt wird und Blumen auf das Grab gepflanzt werden. Weshalb ein Grabstein auf das Grab gesetzt wird, auf dem der Name des Verstorbenen steht, und dass man das Grab besucht.


Warum darf man das Thema nicht vor Kindern verschweigen?

Kinder haben einen anderen Zugang zum Tod. Oft verstehen Eltern nicht, dass dieser Zugang äußerst sachlich ist und versuchen, die Thematik zu verschönern und zu verzerren. Oft befürchten die Eltern, dass der kindliche Schonraum verletzt wird und Kinder nicht in der Lage seien zu trauern, da sie den Tod nicht verstehen.

Dabei gehören auch Verlusterfahrungen zur Entwicklung einer Persönlichkeit. Im Leben von Kindern können Traueranlässe auch die Erfahrung von Abschied, Trennung von den Eltern, Loslösungsprozesse, Geburt von Geschwistern oder Verlust eines Spielzeugs sein. Umso wichtiger erscheint es, diese Erfahrungen in die Erziehung zu integrieren und nicht zu vernachlässigen.

Doch von welcher Stelle sollen Kinder die Informationen erhalten, um vorteilhaft das Thema Tod zu bewältigen? Die Informationen, die die Kinder von Erwachsenen empfangen, dienen als Orientierungshilfe, damit sie ihre Lebenswelt realistisch erfahren, kritisch hinterfragen, diese verstehen und bewältigen können.

Es ist schade, dass man heutzutage kaum weiß, wie man mit Trauernden umgehen kann. Sollte das nicht ganz natürlich sein, Anteil zu nehmen und das Leid mit ihnen zu teilen? Früher war es üblich, die Hinterlassenen zu besuchen und mit ihnen über das Geschehene zu sprechen. Heute dagegen geht man Trauernden aus dem Weg und hofft, dass sie bald wieder glücklich sind. Trauer wird als etwas erlebt, dessen man sich schämen muss und das es so bald als möglich zu überwinden gilt.

Kinder hinterfragen oftmals das vorkommende rätselhafte und geheimnisvolle Verhalten von Erwachsenen. Doch gerade dieses Verhalten fördert diffuse Ängste und Fantasien, die man eigentlich versucht, mit dieser Methode zu vermeiden. Erwachsene sollten Kindern die Chance geben, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Wir erziehen unsere Kinder, damit sie unsere Gesellschaft erziehen.


Fazit

Abschließend bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es ethisch vertretbar und selbstverständlich sein sollte, Kindern den Tod zu erklären. Aufgrund meiner Recherche ist mir klar geworden, dass das Problem der Tabuisierung diverser ethischer Themen immer mehr eine isolierte und abgestumpfte Gesellschaft begünstigt. Es ist nicht notwendig Kinder zu schockieren und somit auf die „harte Realität“ vorzubereiten. Doch wenn man seinen Kindern helfen möchte die Welt zu verstehen und sich weiterzuentwickeln, ist es hinderlich, ihnen aus Angst wichtige Schlüsselinformationen zu verwehren.


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